Die Idee

Was machen wir (anders)?

Das Empowerment College Bremen (EC) bietet ein neues Bildungsangebot an.
Das Angebot richtet sich an:

  • Menschen mit Psychiatrie- und Krisenerfahrung
  • deren Angehörige
  • Mitarbeiter*innen des psychosozialen Hilfesystems
  • Menschen aus dem Stadtteil

Die Grundlage aller Kurse bilden die Prinzipien von Recovery und Empowerment.

Wir sind von den Vorteilen des erfahrungsbasierten Lernens und Wissens überzeugt. Deswegen nutzen wir beides, sowohl in der Entwicklung und Durchführung von Kursen, als auch in der Weiterentwicklung unseres Colleges – alles was wir tun, tun wir koproduktiv. Das EC ist ein einzigartiger Lernort, der es den Teilnehmenden ermöglicht gemeinsam voneinander zu lernen.

Ziel des EC ist die persönliche und fachliche Weiterentwicklung der Teilnehmenden. Unsere Kurse und Workshops begleiten und unterstützen Menschen dabei, selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu leben. Wir vermitteln Kenntnisse und üben eigene Bedürfnisse, Rechte und Grenzen zu (er-)kennen und für diese einzustehen. Gleichzeitig vermitteln wir Wissen rund um Themen, die mit seelischer Gesundheit zu tun haben. In unseren Kursen fördern wir den Wissenstransfer zwischen Expert*innen aus Erfahrung und Expert*innen aus Beruf und tragen auf diese Weise zu mehr Augenhöhe und Qualität in der psychiatrischen Versorgung bei.


Warum machen wir das? – Der Hintergrund

Zu lernen heißt zu wachsen.

Bildung ist für viele Menschen ein wichtiger Baustein um ihren Handlungsspielraum zu erweitern, ihre Genesung zu fördern und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Bildung steht für Chancen und Entwicklung, dafür, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, eigene Schritte zu gehen, für Freiheit und den Zugang zu neuen Ressourcen. Gleichzeitig bestehen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen weiterhin vielfältige Zugangsbarrieren. An dieser Stelle setzt die Idee des Empowerment Colleges an, schließt eine Angebotslücke und erfüllt eine zentrale Forderung der UN Behindertenrechtskonvention – die Teilhabe an Bildung.

Am EC möchten wir neue Erfahrungen jenseits üblicher Rollenzuschreibung ermöglichen. Unser Konzept des Erfahrungsbasierten Lernens fördert Einblicke in die jeweils anderen Sichtweisen (Angehörige, Betroffene, Mitarbeitende im Hilfesystem). Dies fördert das Verständnis füreinander, ermöglicht es den Teilnehmenden voneinander zu lernen und hilft dabei Missverständnisse aufzuklären und Vorurteile abzubauen. In einem Lernlabor können von allen Beteiligten neue Sichtweisen gewonnen, neue Reaktions- und Verhaltensmöglichkeiten eingeübt werden. Alle Beteiligten können losgelöst von ihrer Rollenfestlegung in ihrer konkreten Lebens- und Arbeitssituation neues erfahren durch den Austausch mit anderen Perspektiven.

Dies wird durch die koproduktive Zusammensetzung des Trainertandems unterstützt und begleitet. Für die im psychosozialen Bereich Tätigen bietet das Konzept die Chance mehr Sicherheit im Umgang mit Betroffenen zu erlangen, aber natürlich auch neue Skills für sich zu erlernen. Nutzer des Hilfesystems, Angehörige und Interessierte erlangen neben neuem Wissen, das sie selbstständiger im Umgang mit den Herausforderungen des täglichen Lebens macht, auch Einblick in die Denkweise und die Beweggründe der professionell Tätigen, lernen sie aber auch als Menschen kennen, was die Inklusion und Gleichstellung praktisch fördert.

Als Leitlinie haben wir für unsere Arbeit und die Kursentwicklung sechs Grundprinzipien aufgestellt, denen wir uns verpflichtet haben:

  • Koproduktion
  • Erfahrungsbasiertes Lernen
  • Qualitätssicherung
  • Inklusion
  • Gemeindeorientierung
  • Empowerment und Recovery

Für vertiefende Informationen können sie unsere Publikationen „Das Empowerment College: Recovery und Bildung“ oder „Wissen ist der Schlüssel zu mehr Inklusion und Chancengleichheit“ als pdf herunterladen.


Wie machen wir das? – Unsere Prinzipien

Koproduktion

Koproduktion, oder Partnerschaftliche Zusammenarbeit, bildet das Herz des Empowerment Colleges und ist das leitende Prinzip. Es geht um das Zusammenwirken von:

  • Expert*innen mit Expertise durch Beruf oder Ausbildung und
  • Expert*innen aus Erfahrung im jeweiligen Themenbereich bzw. Kursinhalt.
  • Außerdem beziehen wir die Sichtweise von Angehörigen und nahen Unterstützer*innen mit ein, auch bei der Entwicklung von Kursen

Dieses Zusammenwirken bezieht sich auf alle Bereiche: Die Entwicklung von Kursen, ihre Ausarbeitung, die Öffentlichkeitsarbeit und den Unterricht.

Für die Kurse heißt das, dass sie grundsätzlich von einem Trainertandem oder Team bestehend aus mindestens einer Expert*in aus Erfahrung und einer Expert*in durch Ausbildung gemeinsam entwickelt und durchgeführt werden.

Durch die Beteiligung von Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen als Dozent*innen stellen wir sicher, dass Kurskonzepte und Inhalte nah an der Lebensrealität der Teilnehmenden entwickelt werden und Raum für individuelle Erfahrungen jenseits von Konzepten und wissenschaftlichen Ansätzen entsteht.

Die Dozierenden sind bei uns immer auch Vorbilder und Brückenbauer. Sie leben Empowerment und Recovery und zeigen: „Auch mit psychischer Erkrankung kann ich dozieren und einen Kurs leiten“. Auch unsere Tandems sind mehr als das Zusammenspiel zweier Dozent*innen – sie verkörpern Inklusion, Kooperation und Zusammenarbeit auf Augenhöhe und sind damit auch für die professionelle Zielgruppe ein lehrreiches Vorbild.

Erfahrungsbasiertes Lernen

Wir alle machen vielfältige und mehr oder weniger prägende Erfahrungen in jeder Lebenssituation. Reflektieren wir diese Erfahrungen wird daraus Erfahrungswissen. Dieses Wissen können wir zukünftig nutzen und in ähnlichen Lebens- oder Arbeitssituationen anwenden. Mit reflektiertem Erfahrungswissen können wir herausfordernde Situation in unserem Leben häufig besser bestehen. In unseren Kursen stellen wir dieses Wissen durch die Nutzung ausgewählter Methoden anderen Teilnehmenden zur Verfügung.

Ein Beispiel sind Krisen. Werden die persönlichen Erfahrungen beim Erleben und Bewältigen einer psychischen Krise reflektiert und geteilt, können auch andere von dem individuellen (Krisen-) Wissen lernen. Beispielsweise entwickelt man als Betroffener einen anderen Blick auf eigene Krisen oder lernt als Profi und Angehöriger einen sichereren Umgang mit Krisen von Verwandten oder Klient*innen.

Damit erfahrungsbasiertes Lernen gelingt, braucht es neben Erfahrungswissen auch eine einfache Sprache, die alle Teilnehmenden einbezieht, gezielten fachwissenschaftlichen Input sowie Raum für Erfahrungsaustausch und Diskussion. Nach diesen Kriterien konzipieren wir unsere Kurse.

Inklusion

Wir leben Inklusion und machen sie für unsere Teilnehmenden erlebbar. Wir sprechen in unseren Kursen und Workshops ein inklusives und diverses Publikum an. Wir lehren inklusiv. Und wir arbeiten in allen Bereichen beim EC und bei FOKUS inklusiv. Das heißt, wir bieten unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten unterschiedliche Möglichkeiten aktiver, beruflicher und gesellschaftlicher Teilhabe. Wir sind also immer auch Vorbild für andere Träger im Bereich der Bildung und der Gemeindepsychiatrie.

Gemeindeorientierung

Wir sprechen mit unseren Angeboten nicht nur Betroffene, Angehörige und Profis an, sondern richten uns inhaltlich auch an Menschen aus dem Stadtteil. Mit unseren Themen zur seelischen Gesundheit leisten wir auf diese Weise einen Beitrag zur Aufklärung, Prävention und Entstigmatisierung. Außerdem bauen wir mit unseren stadtteilorientierten Angeboten Brücken zu anderen Angeboten.
Wir wollen Stadtteilakteure als Dozent*innen in unseren Kursen gewinnen, um mit Inhalten lebensnah und gemeindeorientiert zu arbeiten.

Empowerment und Recovery

Wir arbeiten orientiert an den Grundhaltungen von Empowerment und Recovery. Was bedeutet das?

Empowerment

Übersetzt heißt Empowerment: Ermächtigung oder Befähigung.
Empowerment bedeutet also, sich all das anzueignen, zu lernen und zu organisieren was benötigt wird, um sein Leben selbst in die Hand nehmen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können (auf der persönlichen oder individuellen Ebene).
In empowernden Gruppenprozessen geht es darum, dass benachteiligte Gruppen stärkende Erfahrungen machen können:

  • Wir haben Rechte
  • Wir können die Wahrung und Nutzung unserer Rechte fordern/durchsetzen
  • Wir sind nicht allein in unserer Situation
  • Wir können uns gegenseitig unterstützen
  • Wenn wir die Hilfsangebote, die wir nutzen, aus einem empowerten Selbstbild heraus nutzen, müssen wir uns nicht mehr abhängig und schwach wahrnehmen
  • Wir können personenzentrierte Hilfen und Partizipation (Beteiligung) aus einem Selbstverständnis der Stärke heraus einfordern

Dies sind Erfahrungen auf der Gruppenebene, die wir im Empowerment College ermöglichen wollen. Dieser Effekt kann durch die trialogische Zusammensetzung der Gruppen gestärkt werden, denn die Profis und Angehörigen werden entlastet, wenn Psychiatrie-Erfahrene weniger abhängig von Unterstützung und Hilfe sind. Auch ein offenes Gespräch darüber, was jede Person braucht, um in ihrer Situation gut zurecht zu kommen (Helfende, Unterstützende und Betroffene), kann dazu beitragen, die Helfer*innen zu entlasten.
Hierzu müssen aber auch die Helfer*innen die Hilfsbedürftigen anders wahrnehmen können und ihnen anders begegnen.
Auf der gesellschaftlichen Ebene betrachtet, lassen sich Empowerment Prozesse noch anders darstellen:
Benachteiligte Gruppen schließen sich zusammen und stärken sich gegenseitig. Beispiele können hier die Frauenbewegung oder die LGBT-Community, die Schwarze Bürgerrechtsbewegung der USA oder die sogenannte „Krüppelbewegung“ in der deutschen Behindertenszene. Gruppen können zur Durchsetzung ihrer Rechte und ihrer Teilhabe zivilgesellschaftliche, politische und rechtliche Mittel nutzen. Dies muss häufig aber erst erlernt werden. Auch hierfür wollen wir Kurse anbieten.

Unser Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen begegnen, um Empowerment-Prozesse zu durchlaufen, in einer Atmosphäre von Selbstbestimmung und in einem Bildungsrahmen für mich neue Themen zu entdecken, in denen es sich lohnt, eigene Wege zu gehen, allein oder gemeinsam mit anderen.
Aber auch Hoffnung und einen stärkeren Glauben an die eigenen Fähigkeiten und Potenziale (wieder-) zu erlangen und zu bewahren. Unser Schlüssel in diesem Prozess ist Bildung.

Recovery

Wir arbeiten und lehren nach den Recovery- Prinzipien. Unser Ziel ist es Menschen auf ihrem persönlichen Genesungsweg zu unterstützen, indem wir sie dabei unterstützen:

  • Hoffnung zu entwickeln
  • den Glauben an eigene Fähigkeiten und Potentiale wahrzunehmen und zu stärken
  • Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen
  • den eigenen Handlungsspielraum wahrzunehmen und zu erweitern

Unser Ziel ist es, die Teilnehmenden zu begleiten, ihre Lebenssituation zu akzeptieren, zu lernen mit den Gegebenheiten umzugehen, das Beste aus ihrer Situation zu machen und Wege zu finden, sie zum Positiven zu verändern. Wir wollen sie darüber hinaus „empowern“, selbst über diese Gegebenheiten bestimmen zu können, anstatt sie von außen, durch die Umstände, andere Menschen oder die Gesellschaft bestimmen zu lassen.
Recovery kann in jeder Lebenssituation starten. Jeder Mensch mit einer Erkrankung oder Behinderung kann beginnen, wieder Hoffnung zu haben, sich das eigene Leben anzueignen, die eigenen Handlungsspielräume zu erweitern. Wir verstehen Recovery so, dass es eine individuelle Reise ist, ein Prozess, den Menschen auf dem Weg der Genesung von psychischen Erkrankungen durchlaufen. Diese Reise gelingt besser, wenn das Umfeld individuelle Lösungen stärkt und unterstützt. Profis und Angehörige können viel dazu beitragen, dass Menschen sich ihr Leben wieder aneignen mit Hoffnung, Wahlmöglichkeiten und Kontrolle über das eigene Leben. So kann ein Gefühl von Sinnhaftigkeit gestärkt werden, auch wenn Symptome noch fortbestehen.

Qualitätssicherung

Um die Qualität und die Wirksamkeit des Colleges sicherzustellen verfolgen wir in unserer Arbeit drei unterschiedliche Ansätze:

  1. In Individuellen Lernplänen (ILP) halten wir gemeinsam mit den Studierenden persönliche Lernziele und Bedarfe für ein Semester fest. Wir richten uns dabei nach individuellen Wünschen, berücksichtigen individuelle Bedarfe wie bspw. Sorgen und Ängste in Bezug auf Gruppen oder suchen nachgemeinsamen Lösungen bei Konzentrationsschwächen oder Leseproblemen. Außerdem schauen wir uns gemeinsam die Ausgangssituation eines Studierenden an und entwickeln realistische Ziele, die wir am Ende eines Semesters überprüfen können.
  2. Bei der Modul- und Kursentwicklung überprüfen wir unsere Arbeit stetig mit dem Blick auf Methodenvielfalt, Lernzielorientierung und Zielgruppenoffenheit. Wir nutzen dafür eigens entwickelte Prüfungsverfahren.
  3. Trainer*Innen und Kurse werden vorab geprüft und zertifiziert, sowie regelmäßig hinsichtlich Inhalt, Methodik und Haltung evaluiert. Wir bieten Kurse an, die unseren Trainer*innen helfen, die Standards umzusetzen, und in denen wir neue Trainer*innen ausbilden.

Die Geschichte

In den Jahren 2016 bis 2018 entwickelten sechs renommierte Partner aus England, den Niederlanden, Bulgarien, Polen, Italien und Deutschland gemeinsam unter der Leitung von FOKUS ein zukunftsweisendes Bildungsangebot für Menschen mit Psychiatrie- und Krisenerfahrung – das Empowerment College. Das innovative Kursangebot hat das Ziel, Menschen auf ihrem Weg zu Recovery und mehr Empowerment zu stärken und ist somit ein Beitrag zu mehr Inklusion und Chancengleichheit.

Finanziert wurde das Projekt mit Mitteln aus dem Erasmus+ Programm der EU. Schirmfrau war die Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz, Frau Prof. Dr. Eva Quante-Brandt.

Das mit Bestnote bewertete und mit dem Gütesiegel „good practise“ ausgezeichnete Projekt „Empowerment College“ wird derzeit mit Aktion Mensch-Mitteln  als reguläres, nachhaltiges Bildungsangebot in Bremen implementiert.

In dem zweijährigen EU-Projekt wurden Lerneinheiten entwickelt, erprobt und evaluiert, die für Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen, deren Angehörige und für MitarbeiterInnen im Hilfesystem konzipiert sind. Diese sind nicht dazu bestimmt, Lebenskonzepte und Bildungsbiographien zu korrigieren, sondern zielen darauf ab, Selbstwirksamkeit und Selbstverwirklichung, auch im Umgang mit der eigenen Krankheit und mit sozialen Schwierigkeiten zu stärken. So daß sich für die Menschen eine individuelle, realistische und ressourcenorientierte Perspektive von Leben und Beruf entwickeln kann. Mittelfristig werden innerhalb des Empowerment Colleges auch Kurse für andere benachteiligte Zielgruppen wie z.B. MigrantInnen oder Menschen in Armut entwickelt.

Folgende Kooperationspartner waren am EU- Projekt beteiligt:
F.O.K.U.S., Germany (www.fokus-fortbildung .de)
Instituut voor Gebruikersparticipatie en Beleid B.V., the Netherlands, (www.igpb.nl)
Global Initiative on Psychiatry-Sofia, Bulgaria (www.gip-global.org)
Azienda Sanitaria Universitaria Integrata Di Trieste, Italy (https://asufc.sanita.fvg.it/de/)
Nottinghamshire Healthcare NHS Foundation Trust, United Kingdom (www.nottinghamshirehealthcare.nhs.uk)
Piod, Poland (https://otwartydialog.pl/)